Volkszählung lässt Deutsche kalt …
… so lautet die Überschrift eines Beitrags von Stern.de vom 13. April 2011, in dem das Online-Magazin von einer selbst in Auftrag gegebenen Umfrage berichtet, wonach 78 % der Deutschen keinen Widerstand gegen die Volkszählung leisten wollten.
“Macht Ihnen denn das gar keine Sorgen?”
… fragte uns eine Journalisten einer anderen Zeitschrift daraufhin am Telefon.
Ja und nein.
Ja:
Weil die Informationspolitik der Statistischen Ämter bis heute dafür gesorgt hat, dass die Menschen in Deutschland nicht wissen, wie umfangreich die Volkszählung ist, wer davon alles (besonders) betroffen ist und welche Daten über sie im Einzelnen zusammengetragen werden.
Wie hätten die Menschen beispielsweise auf folgende Frage geantwortet?
“Hätten Sie dagegen Bedenken, wenn es eine deutschlandweite zentrale, vollständige und nicht anonyme Erfassung aller Menschen, die in Gefängnissen, Psychiatrischen Anstalten, Behinderten-, Obdachlosen- und Asylantenheimen wohnen, durchgeführt wird und in dieser Datenbank darüber hinaus eine umfängliche Sammlung von an Leib und Leben gefährdeten Menschen, wie z.B. Aussteigern aus der Nazi-Szene, Stalking-Opfern, Zeugenschutzprogramm-Betroffene und einige Richter enthalten ist?”
Hätten auch dazu 78% der Bevölkerung gesagt, dass sie keine Probleme damit hätten?
Zugegeben:
Diese Frage ist ellenlang, sperrig und nicht so einfach mal am Telefon zu stellen.
Aber so ist das nun mal leider mit dem “Zensus 2011″:
Er ist komplex, schwer zu begreifen und nicht in wenigen Sätzen oder in einem kurzen Artikel zu vermitteln.
Eine ehrliche, umfangreiche und ernsthafte Vermittlung der Volkszählung 2011 an eine breite Bevölkerungsschicht – das wäre die Aufgabe der Statistikbehörden gewesen. Diese Aufgabe haben sie nicht erfüllt, sei es nun aus Absicht oder aus Unfähigkeit.
Mit professionellen, aber substanzlosen Werbevideos, ignoranten Rückmeldungen aus den Erhebungsstellen oder mangelhaften Telefonberatungen werden die Behörden ihrer gesetzlich verordneten Pflicht auf jeden Fall nicht gerecht.
Nein:
Zum einen ist es doch ziemlich erfreulich, dass trotz allem und immerhin “17 Prozent erklärten, sie würden sich so weit wie möglich der Befragung widersetzen.”
Ganz egal, wie konsequent sie darin sein werden: Das ist mehr, als zu befürchten war.
Und zum anderen ist das genaue Ergebnis eine derartigen Umfrage in Maßen und mit Vorsicht zu genießen. Wie genau die Fragestellung der Umfrage gelautet hat, geht aus dem Beitrag des “Stern” nicht hervor [UPDATE: siehe Ende des Artikels]. Die hat aber einen maßgeblichen Einfluss auf das Ergebnis.
Erinnert sei an das prägnante Beispiel der Umfragen zu den so genannten “Kinderporno-Sperren”. Der AK Zensur hat in 2009 spektakulär vorgeführt, wie die Gestaltung der Frage einen erheblichen Einfluß auf das Umfrageergebnis nehmen kann. In dem damaligen Fall hatten sich 92 % der Befragten für solche Sperren ausgesprochen; bei einer veränderten Fragestellung waren dann allerdings 90 % dagegen.
Und mal ganz nebenbei:
Auch dem Stern.de-Artikel mangelt es an einem vernünftigen Überblick darüber, welchen Umfang die Volkszählung besitzt und welche Details zentral zusammengeführt werden. In dem Artikel heisst es:
“Für den “Zensus 2011″ werden vom 9. Mai an rund 7,9 Millionen zufällig ausgewählte Bundesbürger von etwa 80.000 Interviewern nach ihren Wohn- und Lebensverhältnissen befragt.”
Das ist sachlich nicht richtig weil unvollständig, solange die Befragungen der Gebäude- und Wohnungszählung und die äußerst heiklen Befragungen bzw. Erfassungen der “Sonderbereiche” unerwähnt bleiben. Diese Bereiche zusammengezählt ergeben mehr als 33 Millionen von der Volkszählung direkt spürbare Betroffene.
(Übrigens: Wie viel genau - das weiss auch das Statistische Bundesamt angeblich selber nicht …)
Und:
Der Umfang der Volkszählung mit der zentralen Zusammentragung von in Teilen höchst-sensiblen, zunächst nicht anonymisierten und damit sehr bedenklichen Daten findet im Artikel leider gar keine Erwähnung.
[UPDATE]
Dankenswerterweise hat uns Herr Weber von “Stern.de” auf Anfrage hin sehr schnell einige Details der forsa-Umfrage zur Verfügung gestellt. Diese dürfen wir im vollen Umfang zwar nicht veröffentlichen, die wichtigsten Kenndaten aber hier mitteilen:
Datum der Befragung: 7. und 8. April 2011
Statistische Fehlertoleranz: +/- 3%
Fragestellung: Angenommen, sie sollen im Rahmen der Volkszählung befragt werden, dann werden sie offen Auskunft geben:
Mögliche Antworten: “Ja.” oder “Nein, ich werde mich so weit wie möglich widersetzen.” oder “Weiß nicht.”
Vielen Dank an Herrn Weber!
Subjektive Bewertung
Die Befragten hatten nur die Wahl zwischen “Mitmachen” oder “Weitestmöglicher Widersetzung”. Eine derartige knappe Antwortauswahl mag der Umfrageform oder monetären Gründen geschuldet sein. Sie ist dann andererseits aber auch nicht viel mehr aussagekräftig als vergleichbare Befragungen auf diversen Online-Portalen, bei denen umfangreich vorformulierte Antworten vorgegeben sind.
Interessant ist an der Details der Befragung noch das Ergebnis, dass die Zustimmung zur Volkszählung bei “höherer” Schulbildung ebenfalls zunimmt:
27% der befragten Menschen mit Hauptschulabschluss wollen sich widersetzen, aber nur 18% derjenigen mit mittlerem Schulabschluss und gar nur 12% derjenigen Befragten, die zum Gymnasium gegangen sind.
Das mag begründen, warum die derzeitige PR-Kampagne in genau der Art und Weise gestaltet ist und durchgeführt wird, wie wir es anhand von inhaltsarmen Plakatmotiven und Filmen mit Wohlfühl-Atmosphäre erleben.



